EPILOG
NEWPORT, RHODE ISLAND EINE WOCHE SPÄTER
Reichen stand allein am mondbeschienenen Ufer der Narragansett Bay, tief in Meditation versunken.
Das war für ihn zu einem nächtlichen Ritual geworden, seit er und Claire Boston verlassen hatten.
Vom Haus hinter ihm drangen die Klänge ihres Klavierspiels zu ihm herunter. Er ließ sich von den beruhigenden Tönen durchdringen und richtete seine gesamte geistige Energie auf die helle Feuerkugel, die er in dem etwa vierzig Zentimeter breiten Raum zwischen seinen Handflächen schweben ließ.
Als er langsam seine Handflächen aufeinander zubewegte, rotierte sie schneller. Ihr Schein wurde heller, und die orangefarbenen Flammen wurden zu einem intensiven weißlichen Blau. Und immer noch zwängte Reichen die Kugel weiter zusammen, komprimierte ihr Volumen und die Stärke des Feuers auf immer engerem Raum, der vollständig unter seiner Kontrolle war.
Die Pyrokinese, die einst wie ein wildes Buschfeuer in seinem Körper gewütet hatte, beugte sich endlich seinem Willen und folgte seinem Kommando.
Die Übung war anstrengend, aber er wurde mit jedem Mal besser. Heute Nacht hatte er das Feuer zehn Minuten lang fest im Griff gehabt - doppelt so lange wie letzte Nacht. Er war entschlossen, seine Fähigkeit in eine echte Gabe verwandeln, und dass er so weit gekommen war, hatte er Claire zu verdanken.
Sie war seine erdende Kraft. Ihr Blut verlieh ihm Standhaftigkeit, und durch ihre Liebe war er endlich im Einklang mit sich selbst. Endlich gelang es ihm, sich so zu akzeptieren, wie er war - in jeder Hinsicht, einschließlich des Teils von ihm, den er so lange zu verleugnen versucht hatte. Drei Jahrzehnte lang hatte er ein oberflächliches Leben geführt und sich gegen echte Gefühle gesperrt, weil er befürchtet hatte, dass sie ihn schwächen könnten. Jetzt empfand er alles ungleich viel stärker. Mit Claire an seiner Seite gelang es ihm endlich, zu erfassen, was es bedeutete, wirklich zu leben.
Während er das Feuer zu einer immer kleineren, helleren Kugel schrumpfen ließ, bemerkte er, dass die Musik im Haus verstummt war. Es kostete ihn seine ganze Konzentration, den Ball zwischen seinen Handflächen am Rotieren zu halten, darum hörte er niemanden herankommen, bis hinter ihm eine tiefe Männerstimme einen deftigen Fluch ausstieß.
„Alles in Ordnung, Tegan“, sagte Claire, während Reichen sich langsam zu ihnen umdrehte. Ihr Lächeln war amüsiert und auch voller Stolz, als ihr Blick dem ihres Gefährten begegnete. „Du wirst immer besser.
Letztes Mal war die Kugel noch so groß wie eine Orange.“
Reichen hob eine Augenbraue und erstickte die Flammen, indem er die Hände zusammendrückte. Er war körperlich ausgelaugt von der Anstrengung, doch Claires Glaube an ihn ließ sein Herz höherschlagen. Und er freute sich, seinen Freund aus Boston zu sehen.
„Tegan“, sagte er und streckte dem Krieger zur Begrüßung die Hand hin.
Der Gen Eins nickte verhalten, als er die Hand schüttelte, die gerade noch mit übernatürlichem Feuer gezündelt hatte. „Beeindruckend“, sagte er jetzt grinsend. „Da isst anscheinend jemand sein Müsli.“
Reichen lachte. „Ich hab was viel Besseres, mein Lieber.“
Claire trat zu ihm, legte den Arm um ihn und schmiegte sich an ihn. Nie würde er dieses Gefühls überdrüssig werden, sie so an sich geschmiegt zu spüren. Die vergangene Woche, die sie zusammen in Newport verbracht hatten, war die beste Rehabilitation gewesen, die er sich hatte wünschen können. Er war über seine wildesten Vorstellungen hinaus zufrieden. Und doch überkam ihn bei Tegans Anblick wieder ein brennendes Verlangen, sich mit seinen Freunden vom Orden ins Schlachtgetümmel zu stürzen.
„Hat es weitere Hinweise auf Dragos gegeben, seit wir vor ein paar Tagen miteinander gesprochen haben?“, erkundigte er sich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Krieger den ganzen Weg nach Rhode Island gekommen war, nur um ihnen einen Besuch abzustatten.
„Wir gehen ein paar Spuren nach, aber der Mistkerl scheint sich aus dem Staub gemacht und die Gegend verlassen zu haben. Er hat offensichtlich gewusst, dass wir seinem Standort in Connecticut immer näher kamen. Wir müssen also damit rechnen, dass er sich möglicherweise schon seit Langem andere Ausweichquartiere geschaffen hat. Momentan setzen wir darauf, das Netzwerk seiner Verbündeten in der Agentur auszuheben.“
„Ich tu alles, um euch zu helfen“, sagte Reichen.
„Sagt einfach Bescheid, wofür ich gebraucht werde.
Du weißt, dass ich dem Orden zur Verfügung stehe.“
„Du bist bereits unbezahlbar gewesen, mein Lieber.
Ohne dich und Claire hätten wir Dragos' Labor womöglich nie gefunden. Jetzt haben sich viele Verdachtsmomente in Bezug auf seine Operation bestätigt. Es ist wichtiger denn je, dass wir Dragos finden, aber wir müssen unbedingt auch den Ältesten finden, den er die ganze Zeit gefangen gehalten hat.
Wir haben keine Ahnung, wohin er die Kreatur gebracht haben könnte.
Tatsache ist aber, dass irgendwo da draußen eine Katastrophe daraufwartet, über uns hereinzubrechen.“
Reichen nickte ernst. „Klingt, als hätte der Orden alle Hände voll zu tun, vielleicht sogar mehr als vorher.“
„Kann man wohl sagen“, stimmte Tegan zu.
„Tatsächlich sind Lucan und wir anderen in Boston uns einig, dass wir einen Gesandten brauchen könnten, um Unterstützung in der europäischen Vampirbevölkerung zu gewinnen. Dein Ruf in den Dunklen Häfen und der Agentur drüben ist Gold wert. Wir brauchten jemanden mit kühlem Kopf und guten Instinkten, der uns hilft, eigene Allianzen zu bilden und gleichzeitig Dragos' Verbindungen in diesen Gruppen aufzuspüren. Wärst du zufällig bereit, dein kleines Liebesnest hier in Newport zu verlassen, um ab und an ein paar diplomatische Aufträge für uns zu erledigen?“
Reichen suchte Claires Blick. Sie hatten sich darauf geeinigt, das Haus in Newport zu ihrem Zuhause zu machen und vielleicht sogar schon bald eine Familie zu gründen. Er war begierig auf das Leben, das sie zusammen planten, aber sein Pflichtgefühl und seine Loyalität dem Orden gegenüber zerrten ebenfalls an ihm.
Sie verstand das - er konnte die Zustimmung in ihren Augen lesen. Sie lächelte und nickte leicht. „Bei dem Tempo, das du vorlegst, wird dich die Jongliererei mit Feuerkugeln schon nächste Woche zu Tode langweilen. Du wirst nach neuen Herausforderungen Ausschau halten. Vielleicht gibt es beim Orden ja für uns beide etwas zu tun“, sagte sie und wandte sich mit fragendem Blick an Tegan.
Der Krieger lächelte. „Wir wären geehrt, wenn wir auf euch beide zählen könnten.“
„Ich habe Deutschland ja nicht gerade im Guten verlassen“, murmelte Reichen. „Die Agentur drüben könnte einen Flüchtigen in mir sehen, nicht einen Freund.“
„Also“, sagte Tegan, „eigentlich giltst du doch als tot. Letzten Sommer umgekommen bei dem Brand, der deinen Dunklen Hafen vernichtet hat. Inzwischen sind Roth und jeder aus seinem Kreis ebenfalls tot.
Und für alle anderen bist du ein Geist, Reichen. Das verschafft dir nur umso bessere Chancen, unsere Ziele zu verfolgen und geheime Allianzen zu unterstützen.“
„Ein Geheimagent für den Orden?“, meinte Reichen, dem die Idee sichtlich gefiel.
„Ich sage nicht, dass es leicht wird. Zeitweilig wird das verdammt harte Arbeit sein und extrem gefährlich außerdem. Glaubst du, du kriegst das hin?“
Wieder sah Reichen Claire an und fühlte sich stärker denn je, als er in ihren sanften braunen Augen Vertrauen und Bewunderung aufleuchten sah. „Ja“, antwortete er. „Ich denke, das kriege ich hin.“
Mit Claire an seiner Seite, die ihn liebte und an ihn glaubte, würde er mit allem fertig werden.
Ende